Auszug aus Kapitel 9:

Moment mal, was ist das denn?« Angestrengt starrte ich auf den Apfelbaum. Zwischen den Blättern und Blüten sah ich am Stamm eine merkwürdige Verdickung, die ich noch nie bemerkt hatte. »Ich Idiot, jetzt weiß ich!« Ärgerlich schlug ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Das war ein Bienenschwarm! Und jetzt sitzen sie da oben wie in einer Traube dicht an dicht in der Astgabel. Das Bienenvolk hat sich geteilt. Und eine Hälfte ist ausgeflogen, um woanders ein neues Volk zu gründen. Davon hat mir Bernie natürlich schon erzählt. Wie bescheuert bin ich eigentlich, dass ich da nicht gleich drauf gekommen bin?« »Und jetzt?« Jon sah mich fragend an.
»Ich muss die Viecher einfangen, sonst hauen sie mir ganz ab. Nur wie? Besser, ich rufe Bernie an und frage ihn, ob er kommt und mir hilft.«
»Na, mien Deern, da hast du wohl deine Völker nich richtig durchgeguckt. Dir is 'ne Weiselzelle mit 'ner Königin durch die Lappen gegangen.« Nach langem Klingeln war Bernie endlich ans Telefon gegangen. »Gute Imker passen auf ihre Bienen auf«, frotzelte er weiter. »Macht nix, da muss jeder mal durch.«
(...)
»Na, dann wollen wir mal.« Mit gespielter Lässigkeit schlüpfte ich in meinen Imkeranzug und griff nach meiner Gänsefeder und der Sprühflasche. Die Bienen saßen ziemlich weit oben. Der Boden war uneben und die Leiter fand keinen sicheren Stand.
»Jon, du musst mir die Leiter festhalten, sonst komm ich nicht auf den Baum.« Insgeheim war ich froh, dass ich einen Vorwand hatte, ihn dazuzuholen. »Aber zieh dir auch einen Schutzanzug an, ohne den kannst du hier auf keinen Fall unter der Bienentraube stehen«, ermahnte ich, als er in Schlappen und T-Shirt angetrabt kam.
Mittlerweile war bestimmt eine Stunde vergangen, seitdem ich die Bienen im Apfelbaum entdeckt hatte. Bernie hatte mir zwar gesagt, dass die Späherinnen erst mal eine geeignete neue Behausung für ihre Kolleginnen suchen mussten und dass dies ein paar Stunden dauern konnte. Aber ich wollte nichts riskieren. Je schneller ich sie eingefangen hatte, desto besser. Während ich die Leiter hochstieg, neigte sie sich gefährlich in eine Richtung.
»Halt sie bloß gut fest, sie kippt gleich!«, flehte ich.
Endlich saß ich in der Astgabel. Mühevoll robbte ich mich auf dem dicken Ast an die Bienentraube heran. Der Schwarm saß ungünstig. Ich konnte nicht nah genug herankommen, um sie mit dem Wassersprüher und der Feder zu erreichen. Kreuz und quer wuchernde Äste behinderten meine Sicht. Jon hielt von unten bereits den Kasten unter die Traube.
(...)
Ich hangelte mich näher an die Bienen und fühlte mich wie beim Entschärfen einer Bombe. Das Gros saß zwar in einer dicken Traube zusammen, es waren aber noch genug in der Luft, die mich umsurrten. Schweißperlen traten mir unter meinem Imkerhut auf die Stirn. Ich hatte Angst. Sollte ich versuchen, sie telepathisch zu beruhigen? Meine Schwägerin aus den USA hatte auf diese Weise schon bissige Hunde zu sanften Kuscheltieren gemacht. Vielleicht wirkte das auch bei stechwütigen Bienen? Mit zittriger Stimme flüsterte ich Beschwörungsformeln und begann die Bienen mit Wasser zu besprühen. Mit jedem Sprühstoß wurde das aufgebrachte Brausen der Immen stärker. Hatte Bernie nicht gesagt, dass die Bienen nicht so schnell auffliegen können, wenn sie nass sind? Davon konnte ich leider nichts merken.
»Ich fange jetzt an, sie abzufegen!«, rief ich Jon zu. Der erste Schwung landete in der Kiste, die Jon über seinem Kopf so nah wie möglich an den Schwarm hielt. Ich fegte noch mal und noch ein Schwung Bienen plumpste in die Holzbehälter. Mindestens genauso viele schwirrten allerdings aufgeschreckt zwischen den Ästen des Apfelbaumes herum.
»Hier, nimm mal den Wassersprüher und besprüh die Bienen, die schon in der Kiste sind. Vielleicht bleiben die dann eher drin.« Im nächsten Moment rutschte ich ab und wischte mit der Feder versehentlich über die Bienen. Ein riesiger Schwung prasselte genau auf Jons Kopf.
»Pass doch auf! Spinnst du? Du kannst gleich alleine weitermachen!«, fauchte er, während ungefähr 10 000 Bienen in einem Klumpen auf seiner Hutkrempe drunter und drüber krabbelten. Ich biss mir auf die Lippe, um nicht loszukichern, und beteuerte lauthals, wie leid es mir täte. Wenn ich jetzt in Gelächter ausbrechen würde, müsste ich garantiert ein für alle Mal auf Jons Hilfe verzichten. Aber wir mussten die Sache zu einem erfolgreichen Ende bringen.